K O S T
Malerei - Zeichnung - Video - Fotografie - Installation - Aktion - Objekte



- kuratiert von Nanna Lüth -

Die KOST-TeilnehmerInnen:
Jessica Broas (GB)
Rebecca Dagnall (AU)
Meike Dölp / Rolf Gesing (Berlin)
Lisa Glauer (Berlin)
Torsten Goffin (Köln)
Nanna Heidenreich / Antje Kirschning (Berlin)
Andy Hsu (GB)
Folke Köbberling (Berlin)
Ulrich Krauss (Berlin)
Christine Kriegerowski (Berlin)
Christine Lohr (Berlin)
Nanna Lüth (Berlin)
Annette Munk (Berlin)
Pukar/ Rahul Srivastava / Gauri Patwardhan (I)
Karen Scheper de Aguirre (Berlin)
Ulrich Schlotmann (Berlin)
Marie Vermeiren (B)
Waltraud M. Weiland (Berlin)
Frank Werner (Berlin)


Das Berliner Kunstprojekt präsentierte vom 8.12. - 21.12.2002 KOST, Arbeiten / Aktionen zum Thema "Lebensmittel" von KünstlerInnen und Wissenschaftlerinnen aus Berlin und Köln, England, Belgien, Indien und Australien.

KOST zeigte Arbeiten aller Art, die sich mit den Freuden und Schrecken der Nahrungszubereitung, regionalen Esskulturen und deren politisch-sozialen Hintergründen beschäftigen.
Die künstlerischen Bearbeitungen des Lebensmittelbegriffs reichten von der Inszenierung von kulinarischen Aktionsräumen und der präzisen Beobachtung von Zubereitungsprozessen bis zur skulpturalen Umformung von Nahrungsmitteln.

Die Werkstatt zur Klärung des Lebensmittelbegriffs:
Das Lebenmittelbüro organisierte die folgenden Veranstaltungen.
Am Freitag, den 13.12.02 kommentierten Waltraud Weiland und Nanna Lüth KOST - Filme.
Zu sehen waren: - "Küchenstudio"von W. Weiland - "....aur irani chai" ("...noch mehr iranischer Tee") von G. Patwardhan - "Sascha", anonym

Am Dienstag, den 17.12.02 Verkostung von und mit den KünstlerInnen der Ausstellung, Marcelo Aguirre an den Tellern und eine Lesung der Schreibwerkstatt „Unterbrochene Karrieren“. Eintritt gegen Lebensmittel.

c) nanna lüth

Am Freitag, den 20.12.02 zeigte Christine Kriegerowski Videos mit den Ergebnissen ihrer Fleisch- und Würstchenforschung.
Am gleichen Tag fiel die "1-Topf-Wette - der Kampf um den Ess-Orden!" aus. Statt dessen fand im Lebensmittelbüro eine Diskussion um zentrale Begriffe der Lebensmittelforschung statt. Es gab Suppe.


und ihre Arbeiten:

Hochglanzfotografierte sorgfältig angerichtete und dekorierte Arrangements versprechen in Kochbüchern kulinarische Hochgenüsse. Über ein Jahr hinweg kochten Meike Dölp und Rolf Gesing täglich eines der vielversprechende Rezepte nach. Auch sie fotografierten ihr Endprodukt, mal lieblos auf den Teller geworfen, mal sorgfältig dekoriert. Aus dem künstlerischen Versuch entstand ein neues, etwas anderes Kochbuch.

c) nanna lüthIranische Cafés sind charakteristisch für das Straßenbild des 'alten' Bombay. Ihre Besitzer erzählen Geschichten von Migration und Heimat. Was hieß es und was heißt es heute Iraner/in und Inder/in zu sein?
Als Teil der Nachbarschaftsprojekte von Pukar (Partners for Urban Knowledge Action and Research) filmten Studenten des Wilson College ihre beliebtesten 'hang-out joints' nahe ihrer Schule und untersuchen so die eigene Nachbarschaft. Rahul Srivastava (Koordination) und Gauri Patwardhan (Schnitt) betreuten das interdisziplinäre Projekt "....aur irani chai" ("...noch mehr iranischer Tee").
In einem zweiten Film dokumentiert Gauri Patwardhan mit der Kamera die Herstellung eines Kuchens durch eine begeisterte Hobbybäckerin. Individuelle Interpretationen von traditionellen Kuchenrezepten lassen das Selbstverständnis der Bäckerin als eine sich von stereotypen Rollenzuweisungen distanzierende Frau erahnen. Der dokumentarische Blick der indischen Filmemacherin auf die deutsche Bäckerin bedeutet eine Umkehrung der üblichen ethnografischen Perspektive.

Auch Waltraud M. Weiland dokumentierte Besuche bei Köchinnen aus Leidenschaft und öffnete so die private Kochsituation für das Publikum. Die Frau hinter der Kamera stellte persönliche bis ungemütliche Fragen über die sinnlich-lustvolle Faszination an der Zubereitung von Speisen, das individuelle Konsumverhalten, Produktionsbedingungen in Tierhaltung und Landwirtschaft, un- faire Handelsbeziehungen und mehr.
So wird das "Küchenstudio" zum Ort einer sensibel-provokativen Kommunikation zwischen KöchIn und Künstlerin, die der Kochprozess erst in Gang setzt. Das Video wurde in Rohfassung gezeigt. Das Experiment hat kein Ende.

Wer nicht kochen kann und will und keine leidenschaftlichen/ begeisterten KochkünstlerInnen um sich hat, muss sich oft mit Junk Food begnügen. Dass es sich hierbei nicht unbedingt um eine Einbuße von Lebensqualität handelt, bestätigt die Arbeit "junk food" von Torsten Goffin. Eine Reihe von Schokoriegeln wurde mit Gold ummantelt und so veredelt auf lila und roten Seidenkissen abgebildet.

Christine Kriegerowski hat jahrelang Würstchen- und Fleischforschung betrieben. In ihrer "BSE Retrospektive" sendete sie Bilder (Zeichnungen, Fotografie, Video/ Performance) aus dem Würstchenhimmel und präsentierte Forschungsergebnisse: Fotos von hamburger meat aus Omaha, Nebraska und hingetuschte Impressionen aus Kühltheken.


c) nanna lüthAngereichert mit unzähligen Zitaten von Beuys bis Dürer zerlegte Ulrich Krauss einen symbolträchtigen, kunsthistorisch aufgeladenen Hasen in Stücke und vergoldete diese. Gezeigt wurde eine fotografische Dokumentation der Aktion im gleichfalls zerstückelten "Hasenbild".
Christine Lohr zeigte eine Serie von Porträtfotos von VerkäuferInnen der Lebensmittelbranche an ihrem jeweiligen Arbeitsplatz in ihrer Arbeitskleidung. Über die rein hygienischen Anforderungen hinaus sind die jeweiligen Uniformen auch als Teil der Einrichtung mitkonzipiert und lassen die TrägerInnen zur Verkörperung der Ladenidentität werden.




Der Videokünstler Frank Werner demonstrierte in der Installation "survival training" mit seiner Kombination von explodierenden Kuchen, einem schießenden Frauentrio und Backanleitungen das kämpferische Potential von Familienrezepten.

Andy Hsu
inszeniert die Bedrohung einer standardisierten Familienidylle durch Ernährung einer anderen Art. In einer Glasbackform graben sich Würmer durch ein Erdreich, auf dem ein Miniaturfarmhaus steht. Die subversiven Würmer bringen durch ihren Ernährungs- und Ausscheidungsprozess das Set in Unordnung. Die Modellsituation wurde nach vollendetem Umsturz wieder in den Ausgangszustand versetzt und die Würmer gingen erneut ans Werk.

In Jessica Broas Animation "householdship" spielt ein Schokoladenéclair die Hauptrolle eines Wales. Vor dem aus Tischdeckchen bestehenden Wellenhintergrund erzählt "householdship" Geschichten von Walfang und den Gefahren der Seefahrt. Das verbotene Spiel mit Eßwaren weist gleichzeitig auf eine widerständige Re-Produktion von Familiengeschichte hin.

Den sehr konkreten Hintergrund von häuslicher Gewalt hat die Aktion "Kommt nicht in die Tüte", die von der Künstlerin Karin Heisecke im Rahmen des internationalen "Stop Rape"-Wettbewerbs 2001 realisiert wurde. Hier wurden Brötchentüten im Kampf gegen sexuelle Gewalt eingesetzt. Mit statistischen Zahlen zu Vergewaltigung in Deutschland und der Telefonnummer des lokalen Frauennotrufs bedruckt, verwandelten sich die Tüten - als Verpackung eines "alltäglichen" Grundnahrungsmittels - in aktivistische Infoblätter und verknüpften unmittelbar Fragen der Ernährung mit dem Thema Vergewaltigung (in der Ehe).
Im Video von Marie Vermeiren werden KundInnen, Bäckereiverkäuferinnen/-inhaberinnen und VertreterInnen beteiligter Initiativen nach persönlichen Reaktionen, Beobachtungen und Erfahrungen mit der Tütenaktion befragt.

Folke Köbberlings "Concrete Cuisine" schuf 1999 im loop-Raum ein Forum zu Fragen der Berliner Stadtplanung und -entwicklung. KOST zeigte die Dokumentation ihres kritischen Kochstudios, in dem unterschiedlichste Materialien zur kulinarischen Stellungnahme verwendet werden durften: Echte Baumaterialen, Bastelmaterial, verschiedenste Medien, Texte, Ideen wurden zu ungewöhnlicher Nahrung für Stadtbewohner verarbeitet. So bauten Steffen Schindler & Cornelia Gutschke aus 10 Litern gefrorenem Speiseeis das Berliner Stadtschloß nach. In der Hitze der Diskussion und der Studioscheinwerfer begann das Stadtschloß zu schmelzen.

Lisa Glauer malt die Inhalte von Kühlschränken in warmen Farben. Die Malerin portraitiert so sich und ihre Freunde durch die Innenansicht des jeweiligen Kühlschranks. Mit stilistischen Mitteln der Landschaftsmalerei und einem speziellen Interesse für regionale Besonderheiten, die sie besonders nach ihrem Umzug von New York nach Berlin feststellt (Zitat: "Irgendwie fand ich das komisch, dass der Joghurt "Mark Brandenburg" bei mir im Kühlschrank rumhängt."), verleiht sie banalen Gegenständen wie Eierschachteln und Joghurtbechern Pathos.


Rebecca Dagnall, australische Videokünstlerin, huldigt in ihrer Installation "Tupperware Altar" der vorstädtischen Kultur der Kunststoffcontainer. Ursprünglich zur sterilen Aufbewahrung von Essensresten entwickelt, werden sie hier als die Säulen von Suburbia arrangiert und umrahmen ein kurzes buntes Musical über 4 zufriedene Tupperwarekundinnen, die den tatsächlich existierenden Tupperware-Song singen.

In "60 Möglichkeitsformen" nutzt Annette Munk Nudelteig als skulpturales Material. Ausgehend von dem Begriff der "Teigtasche", die, wie der Künstlerin von ihrer österreichischen Freundin versichert wurde, wenigstens in Wien in seiner Undifferenziertheit jeder realen Bedeutung entbehrt, macht sie die Nichtexistenz realexistierender Teigtaschen zum Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Schöpfung. Das Wort trifft Material, sprich Nudelteig und wird zur Tasche im Kleinstformat. Ein "Alphabet" der Nudelobjekte wurde in Plexiglasboxen in Zeilen an die Wand gebracht und präsentierte sich dem Publikum als Text.

c) nanna lüthDas Lebensmittelbüro von Nanna Lüth, ein mit Fototapeten und animierten Fotografien bestückter Raum-im-Raum, zeigte fiktive Geschichten um Essen, Freundschaft, Liebe und Architektur. Diese Annäherung an die zum Leben notwendigen "Mittel" bildete den Rahmen einer öffentlichen Werkstatt zur Klärung des Lebensmittelbegriffs. (s.o.)

So präsentierten Nanna Heidenreich und Antje Kirschning hier die unangemessen ernsthafte Rekonstruktion einer homophilen Tupper-Party. Mit Hilfe von 'Tatort'fotos und einer E-mail-Korrespondenz mit den damals Anwesenden gehen sie auf die Suche nach den Spuren eines legendären Ereignisses im Berlin des Jahres 1999.

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Karen Scheper de Aguirre defunktioniert Lieblingsbücher zu "Trips". Trips sind "Backwaren" aus Lieblingsbüchern, eingeweicht, zerrissen und zermatscht, als Fetisch eingeteigt und gebacken zum Mitnehmen.
Ausstellungsbegleitend fand eine Fütterung der Gäste mit Buchkeksen statt, verbunden mit dem Versuch, sich daran zu erinnern, was man las, was es bedeuten konnte, und warum es zu einem Lieblingsbuch wurde.

Text: BurGlauKöLüKrieScheWo